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Als die DDR die Grenzen zur Volksrepublik Polen öffnete – vom absehbaren Ende eines „gefährlichen“ Experiments

Ob die Regierungen der damaligen DDR und der ehemals damaligen Volksrepublik Polen wohl ahnten, auf was für ein Risiko sie sich Anfang 1972 mit der Einführung des Visa-freien Reiseverkehrs eingelassen hatten? Wobei auf dem ersten Blick überhaubt kein Risiko bestand. Beide Staaten trennte offiziell lediglich eine „ Freundschaftsgrenze“.

Welche die an ihr lebenden Menschen eigentlich nicht trennte, sondern vereinte.

Zeitungsartikel aus dem “ Neuen Tag“ über einen zweifelhaften “ Grenzzwischenfall“

Bildquelle : Kreisarchiv MOL

Soweit die Theorie. In der Praxis sah das Zusammenleben beider Völker an der 420 km langen Grenze allerdings völlig anders aus. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffte einmal mehr eine riesige Lücke. Bis weit in die Sechziger Jahre hinein gehörte die „ Oder-Neiße-Friedensgrenze“ zu den am besten bewachtesten Staatgrenzen in Europa. So zog sich beispielsweise auf der polnischen Seite, über die gesamte Länge der Grenze, ein mehrere Meter breiter Spuren-Kontrollstreifen. Wie sein Pendant an der „Westgrenze“ der DDR zur Bundesrepublik, bzw. der „ Berliner Mauer“, wurde auch dieser Kontrollstreifen von jeglicher Vegetation freigehalten, regelmäßig mit Eggen bearbeitet und von Patrouillen kontrolliert.An den Abschnitten an denen die Staatsgrenze über Land verlief, verhinderten Stacheldraht, Zäune und Signalanlagen etwaige illegale Übertritte. Legal konnte die Grenze lange Zeit nur zwischen Frankfurt (Oder) und Slubice überschritten werden. Wirkliches Vertrauen, wie unter befreundeten Staaten normalerweise selbstverständlich, konnten und wollten die Polen den Nachbarn im Westen offenbar nicht. Ungeachtet der Tatsache, dass die DDR zu den wenigen Staaten gehörte, welche die neue Westgrenze Polens völkerrechtlich anerkannten.

Aus Sicht der Regierung in Warschau gab es jedoch noch einen anderen wichtigen Grund für einen verstärkten Grenzschutz : Die relative Nähe zu Westberlin. Deren Glanz auch viele Polen anzog. Einmal in Berlin angekommen, stellten die bis 1961 offenen Sektorengrenzen kaum noch ein ernstzunehmendes Risiko ein. Das änderte sich jedoch ab dem 13. August 1961 grundlegend. Bereits im Vorfeld des Mauerbaus, hatte die DDR im Frühjahr 1961 mit der Umgruppierung und Verlegung ganzer Regimenter von den Grenzen zur Volksrepublik Polen und der CSSR, an die Grenzen „ zum Klassenfeind“.

Die an den „ Friedens -und Freundschaftsgrenzen“ verbleibenden Kräfte wurden sukezessive weiter reduziert. Anstelle der bisherigen Grenzsicherung rund um die Uhr, trat eine temporäre Grenzüberwachung. Auf der polnischen Seite wurde die Grenzsicherung zwar beibehalten, jedoch erfolgte auch hier in den Jahren nach 1961, eine schrittweise Reduzierung der pioniertechnischen Sicherungsanlagen.

Unabhängig vom Grenzregime, war die Grenze zwischen der DDR und der VR Polen in breiten Teilen der DDR-Bevölkerung alles andere als unumstritten. Vor allem nicht bei jenen, die infolge der von den Siegern des Zweiten Weltkriegs beschlossenen „ Westverschiebung Polens“, ihre Heimat jenseits von Oder und Neiße, verloren hatten.

„Außer Dienst gestellter“ Beobachtungsturm an des polnischen Grenzschutzes bei Gorzyca, gegenüber Reitwein

Andererseits lebten auch auf der polnischen Seite der Staatsgrenze viele tausend Familien, die aus dem selben Grund ihre Heimat weit im Osten, in den nun zur Sowjetunion gehörenden Gebieten, zwangsweise räumen mussten.

1972 lag das Ende des Zweiten Weltkriegs mit all seinen Schrecknissen, erst 27 Jahre zurück. Die grausame Zeit war, wie der gesamte Verlauf des Zweiren Weltkriegs mit all seinen Verbrechen und dem traumatischen Geschehen, in den Köpfen der Bewohner beiderseits der Grenze, noch sehr präsent. Weitaus präsenter und komplexer, als es den Regierungen in Berlin (Ost) und Warschau lieb sein konnte. Über ihre schlimmen Erlebnisse, zu dem unter anderem auch der Verlust der vertrauten Heimat gehörte, durften offiziell weder (DDR)-Deutsche noch Polen. Sowohl die SED als auch ihr polnisches Pendant, die „ Sozialistische polnische Arbeiterpartei“ , versuchten mit allerlei propandistischen und historischen Kraftanstrengungen, den Verlauf der neuen polnischen Westgrenze, mit allen sich daraus ergebenen Konsequenzen, vor den eigenen Bevölkerungen „ wissenschaftlich zu begründen.“ Die im Westen geltende Bezeichnung „Vertriebene“, durfte in der DDR und in der VR Polen keiner der Betroffenen verwenden.

Während in der DDR die zwangsweise aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße zwangsweise ausgesiedelten Menschen schlicht und unverfänglich als „ Umsiedler“ bezeichnet wurden, ging man in der Volksprepublik Polen sogar noch einen Schritt weiter.

Die aus den bis 1939 zu Polen gehörenden Gebieten in den heutigen Staaten Weißrussland und der Ukraine ausgesiedelten Menschen, erklärte die Regierung in Warschau kurzerhand zu „ Repatrianten“. Gleichzeitig firmierten die neuen Gebiete Polens fortan unter dem Begriff „ Wiedergewonnene Gebiete.“ Laut Propaganda, kehrten die aus dem früheren Ostpolen ausgesiedelten ehemaligen Bewohner, gewissermaßen als Pioniere in die nun wieder zu Polen gehörenden, einst von Deutschland geraubten und widerrechtlich annektierten Territorien zurück.

Stellten die hauptsächlich von der Sowjetunion initierten Gebietsverschiebungen, lediglich eine späte Wiederherstellung geschichtlicher Gerechtigeit dar? Die Frage kann eigentlich nur mit einem klaren Nein beantwortet werden. Stalin ging es in keiner Nuance seiner Entscheidungen um irgendwelche geschichtlichen Gerechtigeiten. Sondern einzig und allein um den Zugewinn von Macht durch eine Neuordnung Europas. Allerdings sollte man nicht völlig außer acht lassen, dass ein großer Teil der ehemaligen deutschen Ostgebiete, beispielsweise das Gebiet der Neumark, tatsächlich bis ins 13.Jahrhundert hinein zum frühpolnischen Piastenreich gehörten. Das Gebiet der Piasten reichte einst bis über die Oder hinaus. Die seit dem 13. Jahrhundert deutsche Stadt Lebus, war bis dahin eine der bedeutendsten Orte Polens an dessen damaliger Westgrenze. Dagegen sind einige heute zu Polen gehörende Städte, beispielsweise Gorzow Wielkopolski ( Landsberg an der Warthe), erst in deutscher Zeit entstanden. Aber auch wenn die Behauptung das die 1945 Polen zugeschlagenen Gebiete „ nie polnisch gewesen sind“, nicht der historischen Wahrheit entspricht, spielte diese bei der „ Westverschiebung“ Polens nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, absolut keine Rolle.

Dafür hatten die von Deutschen während des Zweiten Weltkriegs an Polen verübten Verbrechen und die Übergriffe von Polen an Deutschen während der Vertreibungen der deutschen Bevölkerung, wie wohl auch der damit verbundene, von vielen Deutschen den Polen selbst angelastete Verlust der Heimat, zu einem weiteren Tiefpunkt in den historisch bereits erheblich vorbelasteten Beziehungen beider Völker gesorgt. Auch wenn die Propaganda in der DDR und der Volksprepublik Polen einen anderen Eindruck vermitteln wollte.

Begegnungen zwischen den Menschen sowie gegenseitige Projekte beiderseits der Grenze, stelllten bis 1972 eine Ausnahme dar. Eine solche Ausnahme war zum Bispiel die Sicherstellung der Trinkwasserversorgung des Dorfes Kietz vom Wasserwerk Kostrzyn, ab dem Jahr 1962.

Dann kam das Jahr 1972. Ab dem 01. Januar jenes Jahres, genügte sowohl für die Bürger der DDR als auch der Volksrepublik Polen ein gültiger Personalausweis für einen Besuch der jeweils anderen Seite. Bald schon pilgerten täglich tausende Reisende über die wenigen Grenzübergänge ins Nachbarland. Aus purer Neugierde, um einzukaufen oder um das seit nun mehr 27 Jahren andauernde Heimweh für einen kurzen Moment zu lindern. Die neuen Reiseregelungen verschafften den „Umsiedlern“ die langerhoffte Möglichkeit für ein Wiedersehen mit der verlorenen Heimat. Wenn auch nur für kurze Momente. Ob sich die Machthaber in Berlin und Warschau des Umstands bewusst waren, dass sich nun „ Repatrianten“ und „ Umsiedler“ in größerer Zahl begegnen und als Konsequenz dieser Begegnungen, die von der Propaganda vermittelte Version der damaligen Geschehnisse weiter hinterfragen könnten? Bekanntlich stand ja gerade die SED, Begegnungen zwischen Menschen aus verschiedenen Ländern, die nicht unter staatlicher Aufsicht erfolgten, stets mißtrauisch gegenüber. Unwahrscheinlich, dass ausgerechnet die damaligen politischen Machthaber die große Chance für eine echte deutsch-polnische Annäherung und Versöhnung die sich aus solchen Begegnungen durchaus ergeben konnte, erkannten.

Da der väterliche Teil meiner Familie aus dem Gebiet jenseits der Oder, aus den heutigen Orten Gronow ( Grunow), Czarnow ( Schernow) und Chatow ( Gatow) stammt, bin ich schon sehr früh mit der Problematik in Verbindung gekommen. Kaum eine Familenfeier oder eine Zusammenkunft, in der nicht „ von Zuhause“ geredet wurde. Ohne das ich als Kind etwas damit anfangen konnte. Als die DDR-Regierung Ende 1971 die Einführung des Visafreien Reiseverkehrs verkündete, leuchteten die Augen meines Großvaters. „ Jetzt können wir endlich unser Zuhause besuchen“, freute sich der alte Mann. „ Aber Opa, du bist doch hier Zuhause“, erwiderte ich mit dem Erstaunen eines achtjährigen. Mein Opa gab sich große Mühe, mir von seinem fernen Zuhause, dass doch kaum mehr als fünfzig Kilometer Luftlinie von unserem Wohnort, Wilhelmsaue bei Letschin, entfernt war, zu erzählen. Wie gesagt – ich hatte von diesem ominösem „ Zuhause“, einem Dorf Namens Grunow unweit der Stadt Drossen, aus den Mündern der Erwachsenen bereits viel gehört. Im Wohnzimmer meiner Großeltern hingen Fotos von ihrem früheren Haus in Grunow. Zu diesem Haus gehörte auch ein Bauernhof, der angeblich seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges im Besitz der Familie Bräuning sein soll. Aber auch darunter konnte ich mir 1972 so gar nichts vorstellen. Viel spannender fand ich dagegen die Geschichte vom Schernower Drachenhaus. Das mein Urgroßvater Karl Neumann, der Vater meiner Großmutter, vor dem Ersten Weltkrieg für wenig Geld erworben hatte.

Das Grundstück wollte niemand haben. Die Vorbesitzer galten als ungewöhnlich reich.

Da sich in Schernow niemand das Zustandekommen des Reichtums erklären konnte, ging im Dorf die Legende umher, dass zu unregelmäßigen Zeiten ein feuriger Drache über dem Grundstück auftauchen und die Bewohner mit Gold versorgen soll. Klatsch und Tratsch treiben zuweilen ungewöhnliche Blüten. Als die Besitzer schließlich irgendwann aus Schernow wegziehen und Haus und Hof verkaufen wollten, fand sich einfach kein Käufer. Die hanebüchende Story von dem „ feurigen Drachen“ schreckte potentielle Kunden reihenweise ab. „ Es könnte ja doch etwas dran sein…..“ Außerdem galt das Grundstück als verflucht.

Das “ Schernower Drachenhaus“ im Jahr 2017

Mein Urgroßvater, ein nüchterner kluger Mann, nutzte die Einfalt der Schernower dankend aus. Heute würde man den Kauf des Grundstücks in der Küstriner Straße in Schernow wohl als „ Schnäppchen“ bezeichnen. Lange konnte er sein Glück bekanntlich nicht genießen. Zuvor musste er 1940 seinen in Frankreich gefallenen Sohn Wilhelm, der von allen nur Willie genannt wurde, betrauern. Sein anderer Sohn Karl, ein in der Küstriner Artilleriekaserne in Küstrin dienender Berufssoldat, der anschließend eine Karriere bei der damaligen Reichsautobahnpolizei anstrebte, musste die Teilnahme an dem ganzen Wahnsinn des Krieges mit dem Verlust eines Unterschenkels und seiner beruflichen Pläne büßen. Aber daran hatte der angeblich auf dem „ Drachenhaus“ lastende Fluch keinen Anteil. Damals lag wohl über ganz Deutschland ein Fluch. Aus Strafe für die unheilvolle Liason mit den Nazis. Diesbezüglich ist mir eine weitere Geschichte aus dem Mund meines Großvaters im Gedächtnis haften geblieben : Eines Tages, irgendwann gegen Ende der Dreißiger Jahre, tauchten in Grunow Plakate mit einer hässlichen Karrikatur eines Mannes mit verzerrtem Gesicht und der Aufschrift „ Die Juden sind unser Unglück“ auf. Die Plakate trafen auf zum Teil auf Unverständnis. Aber auch in Grunow gab es Leute, die der Hetze ihre Zustimmung gaben. Ein einzelner Mann, ein Bauer Namens Karl Schleese, wagte es seine Stimme zu erheben. „ Ihr müsst die Aussage richtig lesen. Die Juden selbst sind nicht unser Unglück. Aber der Umgang mit unseren jüdischen Mitbürgern wird uns alle ins Unglück stürzen. Dafür werden wir noch bitter büßen!“

Karl Schleese, der ganz sicher die wahren Ausmaße der an der jüdischen Bevölkerung verübten Verbrechen auch nur erahnen konnte, hatte mit dieser klugen Einschätzung geradezu prophetische Fähigkeiten bewiesen. Wenige Jahre später sollte sich seine Vorhersage auf furchtbare Art und Weise bewahrheiten. Deutschland musste nicht allein für die Verbrechen an den Juden büßen. Deutsche hatten, vor allem zwischen 1939 und 1945, an vielen Orten der Welt, unzählige Verbrechen im Namen Deuschlands begangen.

Und dennoch war längst nicht jeder Deutsche in die Verbrechen des Nationalsozialismus verwickelt. Zu den Opfern des Zweiten Weltkriegs zählten auch jede Menge Deutsche.

Nun aber wieder zurück zu der geplanten Reise „ nach Hause“, bzw. ins Nachbarland.

Voller Aufregung brach der aus zwei Autos bestehende Familien-Konvoi an einem herrlichen Sommertag des Jahres 1972 endlich auf. Dem Alter entsprechend, gab es unter den Mitfahrern die unterschiedlichsten Erwartungen. Während ein Teil der älteren Verwandten die Heimat wiedersehen wollten, beschäftigten meinem gleichaltrigen Cousin und mir ganz andere Vorfreuden. Wir hatten zuvor gehört, dass es in Polen „ West-Kaugummis“ geben sollte. Knallig bunt und mit bunten Sammelbildern von Goofy, Donald Duck und anderen „ Helden“ die ein durchschnittliches DDR-Kind eigentlich gar nicht kennen durfte, versehen. Außerdem wollten wir unbedingt wissen, ob die Kühe in Polen ebensolche Laute von sich gaben, wie die Rindviecher auf den heimischen Weiden.

Achtjährige kommen zuweilen auf die seltsamsten Einfälle. Vor allem wenn sie zuvor noc nie außer Landes gewesen sind.

Slubice -Blick über zur Stadtbrücke hinüber nach Frankfurt (Oder) im September 2020

Die Fahrt führte uns zunächst in die rund vierzig Kilometer entfernte Bezirksstadt Frankfurt (Oder). Dort gab es die einzigen Grenzübergänge weit und breit. Dann ging es über die Stadtbrücke hinüber nach Slubice. An dieser Stelle muss ich jeden enttäuschen, der nun, so wie bei Schilderungen einer Grenzpassage aus den Zeiten der DDR üblich, eine Horror-Geschichte erwartet. Nein. Vielmehr kann ich mich an den Ablauf der eigentlichen Kontrolle heute überhaubt nicht mehr erinnern. Ein sicheres Indiz dafür, dass wir von den Grenzern nicht schikaniert wurden.

Blick auf den früheren Grenzübergang Frankfurt (Oder) /Stadtbrücke -Slubice an einem Herbstmorgen des Jahres 2019

Erinnern kann ich mich dafür, an die heute wohl ein wenig „ seltsam“ anmutenden Reaktionen einiger Erwachsener aus unserer „ Reisegruppe“, nachdem wir in Slubice angelangt waren. „ Ich kann hier noch die Hochäuser von Frankfurt sehen“, freute sich meine Tante. Angesichts der Tatsache, dass wir uns unmittelbar am Oderdamm, kaum mehr als ein paar Hundert Meter Luftlinie von den Dächern der Stadt Frankfurt (Oder) entfernt, befanden, regen solche Freundensausbrüche den heutigen Leser zum Schmunzeln an. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass das Gefühl in einem anderen Land zu sein, noch 1972 für viele eine nicht gerade alltägliche Erfahrung darstellte.

Ungläubiges Erstaunen löste auch der Empfang des Senders Radio DDR, „ im tiefen Polen, sprich in der Stadtmitte von Slubice, aus. Heute kann man darüber nur noch schmunzeln.

Nach dem Grenzübertritt ging es erstmal zu einer Wechselstube, um dort DDR-Mark in Zlotys zu tauschen. Selbstverständlich durfte auch ein kurzer Bummel durch die Geschäfte nicht fehlen. Die ersehnten „ West-Kaugummis“, bei denen es genauer gesagt um Lizenzherstellungen handelte, gab es in Slubice zu meiner Freude und die meines Cousins, buchstäblich an jeder Straßenecke. Überhaupt erschien mir dieses Polen erstaunlich bunt. Viel bunter als die mir bislang bekannten HO-Läden in Letschin oder Seelow.

Ehe wir unsere Reise von Slubice aus fortsetzten, stillten wir unseren Hunger in einer Gaststätte. Da die Speisekarte lediglich in polnischer Sprache vorlag, die von uns niemand beherrschte, bestellten meine erwachsenen Begleiter, auf gut Glück, „ Kielbasa“. Oder besser gesagt, irgend etwas mit Kielbasa. Dass es sich bei der Kielbasa schlichtweg um eine Wurst handelte, konnten wir bald sehen und schmecken. Irgendjemand äußerte die Vermutung, dass uns die Polen Pferdewurst serviert hätten. Wie er wohl darauf gekommen sein mag? Egal. Die Wurst schmeckte lecker. Von etwaigen anschließenden „Vergiftungserscheinungen“ ist mir ebenso wenig im Gedächtnis haften geblieben, wie von ebenso etwaigen, bei einigen wohl eher obligatorischen Schikanen an der Grenze.

Unsere Fahrt führte uns von Slubice weiter über Kunowice, Kowalow und Osno Lubuskie, immer näher nach Gronow. Jenem Grunow aus den Erzählungen meiner Verwandten. Je näher wir unserem Ziel kamen, desto stiller wurde mein Großvater. Es wäre vermessen zu behaupten, dass ich als achtjähriger Knirps das in ihm tobende Gefühlschaos auch nur im leisesten erahnen konnte. Selbst als Erwachsener fiel es mir noch immer schwer mich in jemand hineinzudenken, der nach fast dreißigjähriger Abwesenheit zum ersten Mal seine Heimat wiedersieht. Und das nicht etwa als Heimkehrer im eigentlichen Sinn. Sondern lediglich als mehr oder weniger geduldeter Gast.

Die Dorfstraße von Gronow ( Grunow) im August 2008

Der kleine Ort sah wohl auf dem ersten Blick nicht viel anders aus, als an jenem Tag zu Anfang des Schicksalsjahres 1945, als mein Großvater nach seinem letzten Heimaturlaub wieder in das Chaos des Krieges aufbrach. Die gepflasterte Dorfstraße lag menschenleer in der Gluthitze des Tages. Von den Einwohnern zeigte sich zunächst niemand. Hinter den wackelnden Gardinen der Fenster tauchten jedoch hin und wieder Köpfe auf. Wir wurden aus vielen Augen voller Mißtrauen beobachtet. Nicht minder mißtrauisch, in einer Mischung aus Furcht, Melancholie, Neugierde und Trauer, blieben die Erwachsenen vor dem früheren Hof der Familie Bräuning, in denen nun seit 27 Jahren eine andere Familie lebte, stehen. Leise murmelnd, begannen die Erwachsenen sich gegenseitig Begebenheiten aus der Vergangenheit in die Erinnerung zurückzurufen. Mein Großvater zeigte mir den Stall, von dessen Dach sein Vater Anfang der Zwanziger Jahre bei einem Versuch dieses reparieren, wenige Tage vor dem Weihnachtsfest, abgestürzt war. Er verstarb wenige Stunden nach dem Unfall an einem Schädelbruch, dem er sich bei dem Sturz zugezogen hatte. Mein Großvater konnte nicht einmal Abschied von ihm nehmen, da er sich zur selben Zeit auf einer Treibjagd, mitten in den weiten Forsten rings um Grunow, befand. Obwohl mein Großvater damals kaum älter als zwanzig Jahre alt war, sah er sich gezwungen, die Führung des Hofes von nun an in die eigenen Hände zu nehmen. Durchaus mit Erfolg. Anfang der Dreißiger Jahre konnte er sogar das alte Wohnhaus gegen ein größeres und moderneres Haus ersetzen lassen. Jetzt stand er nun wie ein Eindringlich davor. Während sich die neuen Bewohner ängstlich hinter den Fenstern verschanzten.

So sah sie aus, die deutsch-polnische Realität des Jahres 1972. Jenseits aller Propaganda. Dann geschah etwas, mit dem niemand gerechnet hatte. Plötzlich öffnete sich die Hoftür. Ein Mann mittleren Alters, begleitet von einer Kopftuch tragenden Frau, traten zögernd auf uns zu. „ Was … Sie wollen?“ , radebrechte der Mann in schlechtem Deutsch. „ Ich habe hier früher gewohnt“, antwortete mein Großvater. Der Mann lächelte verlegen. „ Habe ich mir schon gedacht. Möchten Sie ins Haus kommen?“

Natürlich wollten sich die Erwachsenen, vor allem mein Großvater, auch im Haus nach Erinnerungen umsehen. Drinnen wurden wir von den anderen Mitgliedern der polnischen Familie, wenn auch noch immer mißtrauisch, empfangen. Glücklicherweise hatte ein Arbeitskollege meines Vaters uns vor der Abreise den Rat gegeben, nicht mit leeren Händen vor den neuen Besitzern zu erscheinen. Die aus ein paar Flaschen Schnaps und Süßigkeiten bestehenden Mitbringsel brachten das Eis nun endgültig zum Schmelzen.

Zum großen Erstaunen aller, befand sich in der Küche sogar noch der originale Herd. Selbst der Spruch „ Eigener Herd ist Goldes Wert“, den meine Großmutter vor vielen Jahren angebracht hatte, zierte ebenfalls wie eh und je die Küche.

Zwischen Kaffee und Kuchen entwickelten sich erste Gespräche. Auch wenn sich die Gesprächspartner nicht immer auf Anhieb verstanden. Als ich mich in späteren Jahren noch einmal mit meinem Großvater über den Besuch in Grunow unterhielten, berichtete er mir, dass er, bei aller Gastfreundschaft, die Angst der Polen eines Tages das Grundstück wieder verlassen zu müssen, spüren konnte. „ Die Polen haben sie ja 1945 genauso rausgeschmissen wie uns“, sagte mein Großvater, der lange Jahre sicher gerne wieder nach Grunow zurückgekehrt wäre, voller Verständnis.

Diese Angst vor einer Rückkehr der Deutschen, schwebte tatsächlich wie ein Damoklesschwert über den Köpfen vieler polnischer Familien. Solche Begegnungen wie wir sie damals erlebten, hat es in jener Zeit viele gegeben. Damals entstand so etwas wie eine echte Annäherung zwischen Deutschen und Polen. Hervorgerufen durch das Gefühl, ein ähnliches Schicksal, der Vertreibung aus der angestammten Heimat, erlitten zu haben.

Das diese Form der Annäherung nicht im Sinne der SED sein konnte, versteht sich wohl von selbst, Brachte sie doch das vermittelte Geschichtsbild erheblich ins Wanken.

1972 : Deutsche und Polen im gemeinsamen Gespräch

Die faktische Grenzöffnung zwischen der DDR und der VR Polen „ schmeckte“ den Machthabern aber auch aus einem anderen Grund nicht. Wie bereits erwähnt, nutzten viele Besucher den Visafreien Grenzverkehr für regelmäßige Shopping-Touren in den Geschäften des jeweiligen Nachbarlandes. Heute würden vergleichbare Kundenströme jeden Einzelhändler zum Jauchten bringen. Für die unter chronischer Mangelwirtschaft leidenden staatlichen Läden in Frankfurt ( Oder) und anderen Grenzorten, bedeuteten die Käufer aus dem Nachbarland in der DDR-Zeit jedoch den baldigen Kollaps. Mit dem Ergebnis, dass die anfängliche Zustimmung der Einwohner zum Visafreien Grenzverkehr schon sehr bald ins Gegenteil umzuschlagen drohte. In dieser Situation schreckte die SED nicht davor zurück, einige hässliche Klischees über die Menschen unseres Nachbarlandes, aus der Mottenkiste zu kramen. Mit Hilfe dieser geschickt eingesetzten Klischees, gelang es der SED vom eigenen Versagen bezüglich der immer wieder auftretenden Versorgungsengpässe im Handel, erfolgreich abzulenken. Selbst die Staatssicherheit interessierte sich für die neue Situation in den Läden. So erhielt beispielsweise ein „ Inoffizieller Mitarbeiter“ der auf dem Grenzbahnhof Kietz tätig war, den Auftrag, dass Einkaufsverhalten polnischer Eisenbahner im dortigen Dorf-Konsum zu analysieren. Selbstverständlich spielte das Einkaufsverhalten vieler DDR-Bürger, die an manchen Tagen wie die Heuschrecken über Tankstellen und Fleischverkaufsstellen in den polnischen Grenzorten herfielen, in den Einschätzungen von SED und MfS nur eine untergeordnete Rolle. Die Polen sahen das naturgemäß anders, so dass es immer wieder zu Spannungen kam.

Als eine der ersten Maßnahmen zur schrittweisen Umkehr der Lockerungen, wurde die Ausfuhr verschiedener Waren aus der DDR, erheblich limitiert. An den Grenzübergängen wurde nun nicht mehr nur gelächelt, sondern seitens des Zolls auch wieder strenger kontrolliert. Gleichsam der Anfang vom Ende der kurzzeitigen Freizügigkeit an der Ostgrenze der DDR.

Nach dem Aufkommen der Gewerkschaft “ Solidarität“ und den damit verbundenen Streiks und politischen Unruhen im Nachbarland, endete das “ Experiment einer weitgehend offenen Grenze zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen endgültig. Jedoch nicht die zwischen 1972 und 1980 geknüpften persönlichen Kontakte. Diese hatten sich im Vergleich zu den politischen Phrasen, als stärker und dauerhafter erwiesen.

Uwe Bräuning

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Offene Grenzen sind keine Selbstverständlichkeit!

Für einen Bewohner des Grenzlandes an der Oder, gehört ein Abstecher ins nahe Nachbarland heutzutage zu den allltäglichen Normalitäten. Derart normal, dass kaum jemand darüber nachdenkt. Das ist eben so. Wer macht sich schon darüber Gedanken, dass jeden Morgen, wie vom seligen Udo Jürgens besungen, immer wieder die Sonne aufgeht. Da fährt man mal eben die Brücke nach Polen.Zum Friseur, zum Einkaufen, zum Essen oder um Freunde zu besuchen. Oder was auch immer.

Blick auf die Grenzbrücke zwischen Kostrzyn und Küstrin-Kietz

Unseren polnischen Nachbarn spülen die täglichen Besucher aus Deutschland jede Menge Geld in die Kassen. Außerdem sorgt das Miteinander der Nationen ganz nebenbei zu einer weiteren Annäherung zwischen Deutschen und Polen. Zumal der Grenzverkehr durchaus keine Einbahnstraße ist. Genau wie wir Deutschen, pilgern umgekehrt jeden Tag viele Bürger aus dem Nachbarland in die deutsche Grenzregion und auch weit darüber hinaus. Mittlerweile finden sich im Seelower ALDI-Markt an manchen Tagen ebenso viele polnische wie deutsche Kunden. Umgekehrt trifft diese Aussage auf die Einlaufsmärkte in Kostrzyn und Slubice zu. Von dem Einkaufsverhalten und der Suche nach möglichst preiswerten Serviceleistungen einmal abgesehen, haben seit einigen Jahren polnische Familien die unmittelbare deutsche Grenzregion, beispielsweise Manschnow und Küstrin-Kietz, als optimale Wohngegend für sich entdeckt. Na Mensch, warum auch nicht? Wir leben nun einmal in einem immer mehr enger zusammenwachsenden Europa. Wo Grenzen keine Rolle mehr spielen und solche Erscheinungen immer mehr zur Normalität gehören.

Kostrzyn ist heute eine moderne, lebendige Stadt. Ein Umstand, den die Stadt nicht zuletzt der offenen Grenze zum Nachbarland Deutschland zu verdanken hat.

Bei all der banalen Normalität, wird schnell vergessen, dass selbst das einfache Überqueren dieser Staatsgrenze vor gar nicht so ferner Zeit, nicht nur nicht normal, sondern schlicht nicht vorstellbar war. Selbst nach dem Wegfall des Visa-Zwangs, im Jahr 1972, konnte diese über 400 km lange, von der Ostsee bis nach Zittau führende Trennlinie zwischen zwei Staaten, nur an wenigen Stellen übertreten werden. Die Anzahl der Grenzübergänge konnte man „ gefühlt“ an einer Hand abzählen. Na ja, und bei uns in Küstrin-Kietz, endete die Welt ohnehin an der Vorflutbrücke. Dahinter, auf der Oderinsel, residierten seit 1950 „ die Russen“. Die Straßenbrücke über die Oder wurde mit Posten und jeder Menge Stacheldraht „ vor etwaigen Grenzverletzern geschützt.“

So sah es an der Oderbrücke noch 1991 aus :

Bildquelle : Kreisarchiv Märkisch-Oderland / Märkische Oderzeitung

Ein einsamer polnischer Grenzwächter hockt gelangweilt auf der mit Stacheldraht verschlossenen Brücke. Eindrucksvoll, mehr als viele Worte, beschreibt dieses Bild die damalige Situation an der Grenze zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen, sowie auch in den allerersten Jahren nach der deutschen Wiedervereinigung.

Ok, diese Zeiten liegen mittlerweile gut drei Jahrzehnte zurück. Die „ Generation Smartphone“ kennt sie, falls überhaupt, höchstens aus Berichten „ der Alten“.

Kein vernünftiger Mensch glaubt ernsthaft daran, dass Umstände eintreten könnten, die der „ verriegelten Zeit“ ein Revival ermöglichen könnten. Wenn auch nur temporär. Aber doch immerhin.

Bis zum Frühjahr 2020, dem Beginn der Corona-Krise, hätte ich diese Option ebenfalls ins Reich der Spinnereien verwiesen. Oder als „ feuchten Traum“ Rechter Spinner die sich am liebsten von der ganzen Welt, zumindest jedoch von Polen, abschotten würden.

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Ein kleines, für das menschliche Auge absolut unsichtbares Bakterium, von den Wissenschaftlern COVID-19 genannt, zeigte uns zum wiederholten Mal in der Geschichte, dass auf dieser Welt eben nichts normal und selbstverständlich ist. Plötzlich erwies sich die bis dato offene Staatsgrenze für die meisten von uns als absolut unüberwindbares Hindernis. Neben dem regulären Kräften des polnischen Grenzschutzes, patroullierten mit Maschinenpistolen bewaffnete Soldaten am östlichen Ufer der Oder. Polen wappnete sich gegen das CORONA-Virus. Kein Fremder sollte die tödliche Bedrohung einschleppen.

Am 12.März, wenige Tage vor dem Inkrafttreten der faktischen Grenzschließung, nahm ich mit meinem Yorkshire-Terrier Shorty einen Termin beim Hundefriseur in Kostrzyn wahr. Während Shorty seine turnusmäßige Rundumverschönerung erhielt, nutzte ich die Zeit für einen Spaziergang durch Kostrzyn. Eine „ innere Stimme“ sagte mir, sieht dir alles in Ruhe an. Wer weiß, wann du wieder eine Gelegenheit dazu erhältst. Selbstverständlich befahl ich meiner „ inneren Stimme“, gefälligst nicht solchen Mist zu erzählen. Unterdrücken konnte ich die Unruhe dennoch nicht. Am gewöhnlich das ganze Jahr über mehr oder weniger verwaisten Grenzübergang, standen Einsatzkräfte mit Masken und Schutzanzügen. Daneben, Krankenwagen und Feuerwehrmänner. Das Szenario erinnerte mich in fataler Weise an die Szenerie eines Katastrophenfilms. „ Der Tag nach Tschernobyl“; oder so ähnlich. Ich hockte aber nicht vor der Glotze oder im Kino, sondern hinter dem Steuer meines Autos. Thats live!

Krampfhaft versuchte ich mir einzureden, dass es sich lediglich um reine Vorsichtsmaßnahmen des polnischen Staates handeln würde. Eine Stichprobe hier, eine Stichprobe da. Ansonsten bleibt alles wie es ist.

Um es vorweg zu nehmen: Es ist mir an jenem Tag nicht gelungen die „ innere Stimme abzuschalten“. Wie im Trance, fotografierte ich die farbigen Fassade der neu erbauten Mehrfamilienhäuser, die noch aus deutschen Zeiten stammende frühere Fabrikantenvilla, den Bahnhof und die Parkanlagen.

Nach 90 Minuten nahm ich Shorty wieder von der jungen freundlichen Hundefriseuse in Empfang. „ Hoffentlich wird die Grenze in den kommenden Tagen nicht zugemacht“, sagte die Frau zum Abschied in gutem Deutsch. „ Wie kommen Sie denn darauf?“ „ Das erzählt man sich hier in Kostrzyn. Wissen Sie, über die Hälfte meiner Kunden kommt aus Deutschland. Eine Schließung der Grenze wäre für uns eine absolute Katastrophe.“

„ Ach was. Ich kann mir das nicht vorstellen“, versuchte ich, meiner inneren Stimme zum Trotz, die junge Frau zu beruhigen. Sehr überzeugend dürfte ich dabei wohl nicht gewirkt haben.

Ähnliche Bedenken hörte ich kurz darauf auch von einem Verkäufer in einer Apotheke und auf dem Grenz-Basar. Man sah den Menschen förmlich ihre Angst vor dem Eintritt des eigentlich unvorstellbaren an.

Angst, aber aus einem anderen Grund, hatten auch unsere Freunde aus Szumilowo. Einem Ortsteil von Kostrzyn. Ihre Sorge bestand darin, dass wir uns womöglich längere Zeit nicht sehen könnten. „ Dann stellen wir uns einfach an die Oder und winken uns zu. Früher soll so etwas des Öfteren gegeben haben“, witzelte ich bei unserem letzten Abschied vor dem tatsächlichen Eintritt des Unvorstellbaren.

Unmittelbar darauf zeichnete sich immer deutlicher ab, dass, wenn auch unsichtbar, an der polnischen Grenze wieder die Schlagbäume herunter fielen.

Kontrollkräfte am Grenzübergang Kostrzyn

Als Polizist hatte ich sowohl den Wegfall des Visa-Zwangs für polnische Bürger und die damit verbundenen rechtsradikalen Ausschreitungen in Frankfurt (Oder), als auch die endgültige Einstellung der stationären Passkontrollen anlässlich des Beitritts der Republik Polen zur großen „ Schengen-Gemeinschaft“, am 21. Dezember 2007, hautnah erlebt.

Nun musste ich im März 2020 die faktische Schließung dieser Grenze erfahren.

Berufsbedingt gehörte ich zu den wenigen Deutschen, die auch danach noch nach Polen einreisen durfte. Jedoch nur, um auf schnellstem Weg meine Dienststelle, das „ Gemeinsame Zentrum der deutsch-polnischen Polizei & Zollzusammenarbeit in Swiecko“, zu erreichen.

Verwaiste Tankstelle in Kostrzyn, wenige Tage nach der faktischen Grenzschließung

Dieses Privileg, ich nenne es mal so, bescherte mir einige, trotz der Freundlichkeit der polnischen Grenzschützer, verstörende Erlebnisse. Vor der eigentlichen Kontrolle musste sich jeder Reisende einer Messung der Körpertemperatur unterziehen. Was schnell und unproblematisch über die Bühne ging. Dennoch fiel die Gewöhnung an den Anblick der in Vollschutzanzügen agierenden „ Messtrupps“ des polnischen Grenzschutzes, zumindest Anfangs nicht leicht. Nach dem Ende der Kontrollprozedur öffnete ein Passkontrolleur die Sperre. Das Gefühl welches mich beim Durchfahren dieser Sperre jedes Mal aufs neue überkam, lässt sich nur schwer beschreiben. Zu behaupten, dass dieses Gefühl mit dem von einstigen „West-Reisenden“ nach dem Grenzübertritt in Richtung Westen, vergleichbar wäre, ist selbstverständlich mehr als gewagt. Beschreiben lässt sich dieses Gefühl eher als Mischung zwischen Erleichterung und Freude beschreiben. Erleichterung, über die Öffnung der Sperre. Und Freude darüber, einer vertrauten Gegend nicht völlig den Rücken kehren zu müssen.

Wie ausgestorben präsentierte sich Slubice am Nachmittag des 28. März 2020

Drei lange Monate dauerte dieser Zustand an. Zu meinem großen Erstaunen, gab es immer wieder Menschen, die ihre Freude darüber bekundeten. Und zwar auf beiden Seiten der Staatsgrenze. Manche schätzten tatsächlich die vermeintliche Ruhe und die Abwesenheit der jeweils anderen, als absoluten Glücksfall ein. Selbst wenn diese Klientel letztendlich in der Unterzahl ist, hat mich deren Denkweise ins Grübeln versetzt. Wie engstirnig muss man sein, um die Vorteile einer offenen Grenze nicht schätzen zu können? Nein. Ich habe dafür absolut kein Verständnis. Möglicherweise hilft in solchen Fällen die beste Überzeugungsarbeit nicht. Die eigene kleine Welt scheint ein Gefängnis mit einer äußerst niedrigen Ausbruchsquote zu sein. Zumindest in einigen Fällen, die es wohl immer geben wird.

Als „ die Schlagbäume wieder nach oben gingen“, war vieles nichts mehr so wie noch im März 2020. Was hatten wir uns auf einen Besuch bei unserem Stamm-Imbiss auf dem Grenz-Basar in Kostrzyn gefreut! Schnitzel mit Ei, dazu Pommes und leckeren, hausgemachten Salat. Auf dem wir lange drei Monate verzichten mussten. Groß war die Enttäuschung, als wir vor verschlossenen Türen standen. Den gemütlichen Imbiss gab es nicht mehr. Die darin arbeitenden Frauen, die man egal an welchem Wochentag an ihrem Arbeitsplatz antraf, waren verschwunden. Neben dem Imbiss, hatten auch viele Verkaufsstände die dreimonatige Zwangspause nicht überstanden. Die Situation in Kostrzyn und in anderen Orten der Grenzregion, glich der nach einem schweren Unwetter, wenn sich nach und nach die eingetretenen Schäden zeigen.

Nur noch eine Erinnerung – mein ehemaliger Stamm-Imbiss auf dem Grenzbasar in Kostrzyn

Verdammt noch mal ja, wir sind auf einander angewiesen. Die Deutschen auf die Polen, die Polen auf die Deutschen. Ohne die Kunden aus Deutschland hätte Kostrzyn möglicherweise keinen derartigen wirtschaftlichen Boom erlebt. Und ohne Polen würde es beispielsweise keinen Bahnhof mehr in Küstrin-Kietz geben, weil die polnischen Berufspendler die Züge nach Berlin täglich zu hunderten nutzen. Ohne den Zuzug aus Polen, wären manche Orte auf der deutschen Seite der Grenze völlig verödet. Wir Deutschen müssten auf manchen Service in Polen und die Polen auf manchen Service in Deutschland verzichten. Und so weiter und so weiter!

Der Grenzbasar Kostrzyn im Juni 2020 – Nichts ist mehr wie zuvor!

Wenn die verdammte Corana-Krise wenigstens einen guten Aspekt hatte, dann diesen :

Wir ( zumindest der größte Teil) hat endlich wieder den Wert einer offenen Staatsgrenze zu schätzen gelernt. Und wir haben erfahren, dass auf dieser Welt, selbst im hochtechnologisierten Jahr 2020, nichts aber auch gar nichts, normal und selbstverständlich ist!

Uwe Bräuning

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Quelle:
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